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Martin N. (Serienmörder)

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Martin Ney (* 12. Dezember 1970 in Bremen) ist ein deutscher Serienmörder. Ihm werden mindestens drei Morde und mehr als 40 Sexualdelikte an Kindern zugeschrieben, bei denen er meist in Schullandheime einstieg. Einige seiner Taten verübte er auch in Zeltlagern, Privathäusern und an anderen Orten. Ney, der seine erste bekannt gewordene Tat 1992 beging, wurde in der Presse auch Maskenmann und schwarzer Mann genannt. Nach seiner Verhaftung am 15. April 2011 gestand der zu diesem Zeitpunkt 40-jährige Pädagoge Martin N. drei Morde. Bei zwei weiteren besteht Tatverdacht.

Am 27. Februar 2012 wurde Martin N. schließlich wegen Mordes zur Verdeckung von Straftaten an Stefan J., Dennis R. und Dennis K. sowie 20 Missbrauchsdelikten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Verurteilt werden konnte N. nur für rund die Hälfte der von ihm begangenen Missbrauchsdelikten, da etwa 20 Sexualdelikte bereits verjährt waren. Die Verteidiger von N. legten gegen das Urteil hinsichtlich der angeordneten Sicherungsverwahrung Revision ein.

Am 10. Januar 2013 gab der Bundesgerichtshof der Revision statt und hob die verhängte Sicherungsverwahrung auf. Dies wurde mit dem Hinweis begründet, dass nach derzeitiger Rechtslage die Sicherungsverwahrung nur zu einem unerlässlichen Schutz der Allgemeinheit angeordnet werden kann. Da der BGH die besondere Schwere der Schuld bestätigt hat, wird sich die bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe übliche Mindesthaftdauer von 15 Jahren verlängern. Eine Strafaussetzung zur Bewährung kann zudem nur infolge einer nachweislichen Ungefährlichkeit des Verurteilten erfolgen. Ein derartiger Nachweis würde jedoch auch den Vollzug der Sicherungsverwahrung aussetzen. Andernfalls ist davon auszugehen, dass Martin N. dauerhaft in Haft bleibt, höchstwahrscheinlich bis zu seinem Lebensende.

Die Taten des Serienmörders N. wurden mehrfach bei XY thematisiert. So in den folgenden Sendungen:

  • Status: geklärt


Taten

1992 begann eine Missbrauchsserie an Jungen, vorwiegend in Norddeutschland. Martin N., der als groß und kräftig beschrieben wurde, drang stets nachts und maskiert in Schullandheime, Zeltlager und Jugendheime ein, um sich an Jungen zu vergehen. Ab 1994 brach er auch in Einfamilienhäuser ein.

N. hat neben etwa 45 versuchten oder vollendeten Missbrauchsdelikten auch drei Morde in Norddeutschland begangen. Im Fall von zwei weiteren Tötungsdelikten im Westen Frankreichs und den Niederlanden gilt er als tatverdächtig. Auffallend ist der Dreijahresrhythmus (1992, 1995, 1998, 2001, 2004) der mutmaßlichen Mordserie.

Schullandheimserie

Kinderheim Hepstedt

Am 3. März 1992 entdeckte die Begleiterin einer Schulklasse in einem Kinderheim in Hepstedt in einem leeren Schlafsaal einen maskierten Mann, der kurz darauf durch eine Terrassentür floh. Wenige Tage später versuchte ein maskierter Mann, einen 11-jährigen Jungen zu missbrauchen, flüchtete aber, als dieser zu schreien begann. Zwischen April und Juni 1992 wurde der Maskierte noch zweimal von Schülern gesehen, ehe er eines Nachts im August mehrere Kinder weckte und unsittlich berührte. Im September 1992 trat der Unbekannte an das Bett eines Jungen und forderte diesen auf, sich auszuziehen. In einer Oktobernacht sprach der Maskenmann hintereinander fünf Kinder an, von denen er anschließend drei missbrauchte. Nach diesen Vorfällen wurde im Schullandheim ein Bewegungsmelder installiert und die Türschließanlage erneuert.

Schullandheim Badenstedt

Ebenfalls im März 1992 begann eine Serie ähnlich gelagerter Vorfälle im Schullandheim Badenstedt in Zeven, als ein Unbekannter in der Nacht versuchte, einen 13-Jährigen zu missbrauchen. Im August desselben Jahres verging sich der vermutlich gleiche Täter in der Toilette des Schullandheimes an einem 10-jährigen Jungen. Im September 1992 berührte er einen 9-Jährigen unsittlich, nachdem er ihn aus seinem Bett in einen Nebenraum getragen hatte. Im Mai 1994 missbrauchte der mutmaßliche Serientäter einen 11-Jährigen und ziemlich genau ein Jahr darauf wiederholte er das Delikt an einem 10-jährigen Jungen. Im Oktober 1995 versuchte er einen 13-Jährigen anzufassen, flüchtete aber, als dieser sich zur Wehr setzte und Zimmerkollegen aufweckte. Im Juni 1998 schlug er in Badenstedt letztmals zu, als er erneut versuchte, zwei Jungen unsittlich zu berühren, die sich jedoch wehrten.

Schullandheim Wulsbüttel – Mord an Dennis K. (2001)

Im Juni 1995 missbrauchte ein Täter einen 10-jährigen Austauschschüler in Wulsbüttel und flüchtete durch ein Zimmerfenster. Im Juli 1999 weckte ein Mann einen 8-jährigen Jungen, brachte ihn ins Untergeschoss des Hauses und missbrauchte ihn. Am 05. September 2001 verschwand der 9-jährige Dennis K. nachts aus seinem Zimmer. Vierzehn Tage später wurde der Junge von einem Pilzsammler in einem dichten Gebüsch an einem Waldweg zwischen Kirchtimke und Hepstedt ermordet aufgefunden.

Weitere Straftaten in Schullandheimen – Morde an Stefan J. (1992) und Jonathan C. (2004)

Im März 1992 sah eine Lehrerin im Flur des Schullandheims Cluvenhagen einen Mann, der einen schlaftrunkenen Jungen bei sich hatte, der sich nicht wehrte. Als der Täter die Lehrerin bemerkte, floh er. Am frühen Morgen des 31. März 1992 verschwand der 13-jährige Stefan J. aus einem Internat in Scheeßel. Fünf Wochen später wurde seine Leiche mit auf dem Rücken gefesselten Händen in den Verdener Dünen vergraben aufgefunden. Am 09. April 1995 verging sich ein Mann nachts an einem Jungen in der Jugendherberge Bademühlen.

Am 07. April 2004 verschwand der 10-jährige Jonathan C. aus einem Schullandheim in Saint-Brévin-les-Pins in Westfrankreich. Im Mai 2004 wurde seine entkleidete, gefesselte und mit einem Betonblock beschwerte Leiche in einem rund 30 Kilometer entfernten Teich aufgefunden. Das laufende französische Ermittlungsverfahren ist im April 2018 durch die Aussage eines Mithäftlings in Deutschland ergänzt worden. Martin N. habe ihm gegenüber diesen Mord in der Bretagne gestanden und das Detail erwähnt, dass er da eine Tasche verloren habe. Die französische Gendarmerie sucht nun nach dieser Ledertasche als Beweis.

Zeltlagerserie

Morde an Dennis R. (1995) und Nicky V. (1998)

Die Taten dieser Serie begannen im August 1992, als ein maskierter Täter einen 9-Jährigen und ein weiteres Kind im Zeltlager Selker Noor sexuell missbrauchte. Im Juli 1994 begab sich der Täter nacheinander in zwei Zelte eines Zeltlagers in Otterndorf und weckte sieben Jungen im Alter von 8 bis 9 Jahren, die er anschließend unsittlich berührte. Ende August 1994 wachte ein 13-Jähriger im Zeltlager Selker Noor auf, als der Täter ihn anfasste. Nach etwa zehn Minuten verschwand der maskierte Mann. Zwei Tage später berührte der unbekannte Täter erneut einen anderen 13-Jährigen im Zeltlager Selker Noor. In der Nacht auf den 24. Juli 1995 verschwand der 8-jährige Dennis R. aus dem Zeltlager Selker Noor. Zwei Wochen später fanden deutsche Touristen bei Skive in Dänemark seine in einer Sanddüne vergrabene Leiche.

Am Morgen des 10. August 1998, zwischen 05:00 und 06:00 Uhr verschwand der 11-jährige Nicky V. aus einem Zeltlager bei Brunssum in den Niederlanden auf ungeklärte Weise. Er wurde am nächsten Tag einen Kilometer entfernt in einer Fichtenschonung in der Gemeinde Landgraaf ermordet aufgefunden, die Todesursache konnte nicht eindeutig ermittelt werden. 2008 gelang es, anhand von Spuren an der Kleidung des Jungen ein DNA-Profil des mutmaßlichen Täters zu erstellen. 2010 kommt es zu einer ersten DNA-Reihenuntersuchung, zu der 107 Männer aufgerufen werden - vergeblich. Im Februar 2018 startet die größte DNA-Reihenuntersuchung in der Kriminalgeschichte der Niederlande, bei der etwa 21.500 Männer aufgerufen werden, eine DNA-Probe abzugeben. Diese DNA-Probe wird nicht nur mit dem mutmaßlichen DNA-Profil des Täters abgeglichen, sondern es wird auch nach möglichen Familienmitgliedern des möglichen Täters gesucht. Gut 14.000 Männer geben ihre DNA-Probe ab - ohne eine Übereinstimmung.

Neben dieser DNA-Reihenuntersuchung werden 1.500 Männer, die im August 1998 in der Gegend der Brunssumer Heide gewohnt hatten, sowie Leiter des Feriencamps angeschrieben, um ebenfalls eine DNA-Probe abzugeben und an dem DNA-Abgleich teilzunehmen - darunter auch der 55-jährige Jos B. Auf die Aufforderung der Polizei reagiert er nicht. An seiner gemeldeten Wohnadresse steht die Polizei zweimal vor verschlossener Tür, auf jegliche Versuche mit dem 55-Jährigen Kontakt aufzubauen, reagiert Jos B. nicht. Im Januar 2018 plant der gebürtige Niederländer eine dreiwöchige Tour durch die Vogesen. Familienmitglieder versichern der Polizei, dass sich dieser im März melden würde.

Am 19. Februar 2018 meldet sich der 55-Jährige bei seiner Schwester via SMS ab und kündigt an, auf eine Bushcrafting-Tour aufbrechen zu werden. Im April 2018, nach mehrwöchigem fehlenden Kontakt, meldet seine Schwester ihn als vermisst. Die Ermittler erkennen schnell, dass der 55-Jährige Vorbereitungen getroffen hat, um eine Zeit lang unauffindbar zu sein, indem er sämtliche Spuren von sich verwischt hatte. Objekten aus dem Besitz des gebürtigen Niederländers wird dessen DNA entnommen und mit der DNA des mutmaßlichen Täters verglichen - die DNA von Jos B. stimmt schließlich mit der gefundenen Spur auf der Kleidung von Nicky überein.

Am 12. Juni wird ein europäischer Haftbefehl gegen den 55-Jährigen erlassen aufgrund des Verdachts auf Mord, Freiheitsberaubung und sexuellen Missbrauchs. Doch die Ermittlungen der Polizei allein reichen nicht aus um den 55-Jährigen zu orten - Jos B. bleibt unauffindbar. Am 22. August 2018 wird schließlich die Öffentlichkeit über den aktuellen Stand der Ermittlungen informiert, worauf ein weltweites Medienecho entsteht. In unzähligen Ländern wird über die Fahndung nach dem 55-Jährigen berichtet. Am 26. August 2018 kann der Gesuchte letztlich nach einem Zeugenhinweis in Spanien festgenommen werden.

Einfamilienhausserie

Ein maskierter Täter drang in der Zeit ab April 1994 in mehrere Einfamilienhäuser im Raum Bremen, vornehmlich im Stadtteil Horn-Lehe, ein und missbrauchte dort Jungen. Die Taten wichen im Vorgehen des Täters in einigen Details von der üblichen Vorgehensweise ab, allerdings ist laut den Ermittlern damals schon ein Serienzusammenhang anzunehmen. Die Polizei gab, obgleich Eltern darauf drängten, keine öffentliche Warnung heraus.

Chronologische Übersicht der Taten

Die Aufzählung umfasst die Verbrechen, die dem Maskenmann bereits vor der Identifizierung und Verhaftung von Martin N. zugeschrieben wurden. Die Ermittlungen nach der Festnahme und auch der Prozess ergaben Hinweise auf weitere Missbrauchsfälle. Die Morde an Nicky V. und Jonathan C., die sehr seinem Tatmuster ähneln, wurden von Martin N. geleugnet und konnten ihm bisher nicht nachgewiesen werden. Diese Taten sind daher blau dargestellt.

Datum Tatort Straftat Bemerkung
Mär. 1992 Kinderheim Hepstedt Hausfriedensbruch Täter wurde entdeckt und flüchtete unerkannt
Mär. 1992 Kinderheim Hepstedt versuchter sexueller Missbrauch Opfer setzte sich zur Wehr
Mär. 1992 Schullandheim Badenstedt versuchter Missbrauch
Mär. 1992 Schullandheim Cluvenhagen versuchter Missbrauch Täter wurde entdeckt, brach die Tat ab und flüchtete unerkannt.
31. Mär. 1992 Internat Scheeßel Mord Ermordung des 13-jährigen Stefan J.; der Leichnam wurde am 03. Mai 1992 aufgefunden
Aug. 1992 Kinderheim Hepstedt multipler Missbrauch
Aug. 1992 Schullandheim Badenstedt Missbrauch
Aug. 1992 Zeltlager Selker Noor Missbrauch
Sep. 1992 Schullandheim Badenstedt Missbrauch
Sep.1992 Kinderheim Hepstedt Missbrauch
Okt. 1992 Kinderheim Hepstedt multipler Missbrauch
Mai 1994 Schullandheim Badenstedt Missbrauch
Jul. 1994 Zeltlager Otterndorf multipler Missbrauch
Aug. 1994 Zeltlager Selker Noor Missbrauch
Aug. 1994 Zeltlager Selker Noor Missbrauch
Apr. 1995 Jugendherberge Bademühlen Missbrauch
Mai 1995 Schullandheim Badenstedt Missbrauch
Jun. 1995 Schullandheim Wulsbüttel Missbrauch
24. Jul. 1995 Zeltlager Selker Noor Mord Ermordung des 8-jährigen Dennis R.; der Leichnam wurde am 08. August 1995 aufgefunden.
Okt. 1995 Schullandheim Badenstedt versuchter Missbrauch Opfer setzte sich zur Wehr
Jun. 1998 Schullandheim Badenstedt versuchter multipler Missbrauch Opfer setzten sich zur Wehr
10. Aug. 1998 Zeltlager Brunssum, NL Mord Ermordung des 11-jährigen Nicky V., der Leichnam wurde am nächsten Tag aufgefunden.
Jul. 1999 Schullandheim Wulsbüttel Missbrauch
05. Sep. 2001 Schullandheim Wulsbüttel Mord Ermordung des 9-jährigen Dennis K.; der Leichnam wurde am 19. September 2001 aufgefunden.
07. Apr. 2004 Schullandheim Saint-Brévin-les-Pins, FR Mord Ermordung des 10-jährigen Jonathan C.; der Leichnam wurde am 19. Mai 2004 aufgefunden.

Ermittlungen

Im Zusammenhang mit der Ermordung des Dennis K. wurde durch die zuständige Polizei Verden (Aller) eine Sonderkommission gebildet (SOKO "Dennis"). Im Rahmen der Ermittlungsarbeit konnten die Morde und teilweise bis dato den Ermittlungsbehörden nicht bekannten Missbrauchsfälle in einen engeren Kontext gesetzt und anhand der Zeugenaussagen sowie nahezu identischen Tatabläufen einem mutmaßlichen Täter zugeordnet werden. Das Bayerische Landeskriminalamt unterstützte die SOKO "Dennis" mit der Erstellung einer Operativen Fallanalyse.

Täterbeschreibung

Laut Fallanalysen des Fallanalytikers Alexander Horn sollte es sich bei dem Täter um einen auffallend großen, stämmigen und mit einer tiefen Stimme hochdeutsch sprechenden Mann im Alter zwischen 30 und 50 Jahren handeln. Er sollte sich in Norddeutschland, vor allem in der Gegend um Bremen, gut auskennen und eventuell dort sogar wohnen. Anfang der 1990er Jahre sollte er einen Bezug zu der Gegend um die Orte Hepstedt und Badenstedt gehabt haben.

Bei seinen Taten trug der Mann jeweils dunkle Kleidung, eine Maske und Handschuhe. In allen Fällen gelang es ihm so, die Kinder einzuschüchtern. Der anfangs als sportlich beschriebene Täter legte im Laufe der Jahre an Gewicht zu. Er war meist mit dem Auto unterwegs und schien möglicherweise Erfahrungen im Umgang mit Kindern zu haben. Man nahm an, dass er alleinstehend und sozial integriert lebte, eine pädophile Neigung zu Jungen im engeren Familien- und Freundeskreis allerdings durchaus bemerkt worden sein könnte.

Auffällig war zudem eine gewisse Risikobereitschaft des Täters, der sich an vielen Tatorten einer möglichen Entdeckung aussetzte. Darüber hinaus hatte er insbesondere die drei deutschen Mordopfer über weitere Strecken mit dem Auto transportiert, im Fall von Dennis R. sogar mehr als 250 Kilometer über die damals noch bewachte Grenze nach Dänemark. Dennoch war es ihm stets gelungen, kaum Spuren zu hinterlassen. Die Ermittler gingen daher von einem intelligenten Täter aus, der seine Handlungen vermutlich in einem ihm vertrauten Umfeld ausführte und vorher entsprechend plante.

Laut dem Kriminalisten Stephan Harbort war der Täter als extrem gefährlich einzustufen: „Das ist ein Mensch mit hohem Planungsvermögen. Er ist in der Lage, das Vertrauen von Kindern zu gewinnen.“ Wer die Disziplin aufbringe, dies zwölf Jahre lang durchzuhalten, habe ein Stadium erreicht, an dem keinerlei Tötungshemmung mehr vorhanden sei. „Ein solcher Mensch tötet dann nicht mehr nur Kinder. Da kann ein banaler Streit mit jedem gewöhnlichen Menschen schon ausreichen, um einen Mord zu begehen.“

Fahndungen

Trotz Überprüfung sämtlicher Verwandter und Bekannter der Opfer sowie einem Massen-DNA-Test an Hunderten Männern aus Norddeutschland blieb Martin N. zunächst unentdeckt. Sonderkommissionen aus Deutschland, den Niederlanden und Frankreich arbeiteten in dem Fall eng zusammen.

Auf den Täter und seine Verbrechen wurde auch mehrmals im Fernsehen aufmerksam gemacht, unter anderem in Sondersendungen bei "Stern TV", "Spiegel TV", "Kriminalreport", "Ungeklärte Morde" und "Galileo". Zudem wurden Berichte über die Verbrechen dreimal bei "Aktenzeichen XY … ungelöst" ausgestrahlt, ohne jedoch entscheidende Hinweise von Zuschauern zu erhalten.

Die Polizei ging rund 7.800 Hinweisen nach, ohne dass es dabei zu einem Durchbruch kam. Im August 2010 meldete sich ein Zeuge bei der Polizei, der im Internet eine alte Dokumentation zur Mordserie gesehen hatte, die bei ihm eine Erinnerung weckte. Er gab an, bei einem frühmorgendlichen Jogginglauf in der Nähe des Entführungsortes den Täter zusammen mit dem Opfer Dennis K. im Auto auf einem Waldweg gesehen zu haben, woraufhin eine sogenannte Situationsskizze angefertigt und am 10. Februar 2011 veröffentlicht wurde.

Festnahme

Am 15. April 2011 gab die Polizei die Festnahme eines dringend Tatverdächtigen bekannt. Der entscheidende Hinweis kam von einem früheren Opfer, das 1995 von einem maskierten Täter in seinem Elternhaus missbraucht worden war und sich im Zuge der im Februar 2011 veröffentlichten Situationsskizze daran erinnert hatte, dass es einige Monate vor dem Missbrauch von dem Betreuer einer Kinderfreizeit über seine Wohnsituation ausgefragt worden war. Der damals 40-jährige N. aus Hamburg-Harburg, der bis September 2000 in Bremen gewohnt hatte, legte nach ersten Vernehmungen ein Geständnis ab. Er gab zu, Stefan J., Dennis R. und Dennis K. ermordet und etwa 40 weitere Kinder missbraucht zu haben. Ein Bewegungsprofil sollte Aufschluss darüber liefern, ob N. noch weitere Taten, darunter auch die beiden von ihm geleugneten Morde an Nicky V. und Jonathan C., zuzuschreiben sind.

Ermittlungserkenntnisse

Bei seinen Vernehmungen gab Martin N. an, die drei von ihm gestandenen Morde begangen zu haben, um den sexuellen Missbrauch zu verdecken und nicht als Täter identifiziert werden zu können. Stefan J. erdrosselte er nach eigener Aussage in der Nacht seines Verschwindens, weil er ihn in seinem Auto mitgenommen und befürchtet hatte, dass dieser sein Kraftfahrzeugkennzeichen bemerkt haben könnte. Auch Dennis R. hatte er in seinem Wagen befördert und mit ihm einige Tage in einem Ferienhaus bei Holstebro in Dänemark verbracht, bevor er ihn erwürgte. Dennis K. erstickte er, weil dieser sich gegen den Missbrauch lautstark zur Wehr gesetzt haben soll.

Bereits vor seiner Verhaftung war Martin N. aus unterschiedlichen Gründen mehrfach polizeilich aufgefallen. Nachdem er im Alter von 17 Jahren zwei Elternpaaren aus Bremen mit der Entführung und Tötung ihrer Kinder gedroht hatte, wurde er 1989 wegen der dabei versuchten Erpressung von 150.000 DM nach Jugendstrafrecht zum Verrichten gemeinnütziger Arbeit verurteilt.

Als diese Vorstrafe mit Vollendung seines 24. Lebensjahrs aus dem Erziehungsregister gelöscht worden war, bewarb sich Martin N. 1995 beim Amt für Soziale Dienste in Bremen um einen Pflegesohn. Der junge und alleinstehende Student, der zu diesem Zeitpunkt in einer Einzimmerwohnung und von 870 DM Bafög lebte, galt zwar als ungewöhnlicher Kandidat für eine solche Funktion, aufgrund der geringen Anzahl von verfügbaren Pflegeeltern akzeptierte ihn das Jugendamt jedoch als Pflegevater.

Eine Vormundschaftsrichterin vom Amtsgericht Bremen-Blumenthal, vor dem sich N. als Jugendlicher wegen der versuchten Erpressung zu verantworten gehabt hatte, sprach dem zu diesem Zeitpunkt zweifachen Kindermörder 1996 das Sorgerecht für einen zwölfjährigen Jungen zu. Dieser lebte bis zu seiner Volljährigkeit bei N., wurde nach eigenen Angaben aber nie von ihm sexuell missbraucht.

Nach Abschluss seines Lehramtsstudiums brach N. das sich anschließende Referendariat vor dem zweiten Staatsexamen ab und bewarb sich 2000 mit gefälschten Hochschulzeugnissen als Diplom-Sozialpädagoge auf eine Stelle zur Kinderbetreuung bei einer Hamburger Stiftung, die er bis Anfang 2008 innehatte. Bereits in den Jahren zuvor war N. neben seinem Studium als Jugendbetreuer tätig gewesen und hatte sich so auch mit einigen Opfern und Örtlichkeiten vertraut machen können.

2005 wurde ihm sexueller Missbrauch in zwei minder schweren Fällen vorgeworfen, das Verfahren wurde gegen Zahlung einer Geldauflage von 1.800€ jedoch eingestellt. 2006 drohte N. einem Sozialarbeiter aus Berlin, ihn wegen des Besitzes von Kinderpornografie anzuzeigen, und forderte für sein Schweigen 20.000€. Daraufhin wurde er im selben Jahr wegen versuchter Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt.

Im Zuge dieser Ermittlungen stellte die Polizei bei der Durchsuchung der Wohnung von Martin N. im März 2006 auch seinen Computer sicher, auf dem unter anderem etwa 30.000 Fotos mit kinderpornografischen Darstellungen entdeckt wurden. Da nicht geklärt werden konnte, wann die Bilder auf dem Rechner gespeichert worden waren und wann der letzte Zugriff darauf erfolgt war, stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen vermuteter Verjährung im Jahr 2007 ein. Dass auf einigen der in der Asservatenkammer der Hamburger Polizei verwahrten Fotos frühere Opfer abgebildet waren, wurde nicht erkannt.

Im Dezember 2007 wurde Martin N. erstmals von der SOKO "Dennis" befragt, da sich bei ihm mittels der Rasterfahndung Übereinstimmungen mit dem Täterprofil ergeben hatten. Dabei verneinte er jeden sexuellen Bezug zu Kindern. Die Aufforderung zur Abgabe einer Speichelprobe, der er 2008 freiwillig nicht nachkam, konnte mangels hinreichenden Tatverdachtes rechtlich nicht durchgesetzt werden.

Nach seiner Verhaftung wurde N.'s Computer abermals beschlagnahmt, sein Nachmieter entdeckte im November 2011 zudem mehrere Speichermedien, die unter einer Dunstabzugshaube in seiner ehemaligen Wohnung versteckt waren. Den Ermittlern gelang es zunächst nicht, das Passwort herauszufinden und die so gesicherten Daten einzusehen. Martin N. verweigerte die Nennung des Kennworts mit dem Hinweis auf den Schutz von Familie und Freunden. Die Wahrscheinlichkeit, den komplexen Zugangscode ohne seine Mithilfe entschlüsseln zu können, wurde trotz des Einsatzes modernster Technik als gering eingestuft. Ende 2016 benannte Martin N. schließlich die Passwörter freiwillig den Behörden. Mit Stand Mai 2017 ist die Auswertung der nun nutzbaren Datenträger noch nicht abgeschlossen.

Verurteilung

Am 15. Juli 2011 erhob die Staatsanwaltschaft wegen dreifachen Mordes und sexuellen Missbrauchs in 20 Fällen Anklage gegen N. Rund 20 weitere Missbrauchsfälle waren bereits verjährt. Am 10. Oktober begann der Prozess vor dem Landgericht Stade, wobei sich der Angeklagte geständig zeigte. Psychologische Gutachter attestierten ihm eine pädophile Störung, aufgrund seines gesteuerten Tatvorgehens jedoch volle Schuldfähigkeit sowie eine anhaltende Gefährlichkeit mit möglicher Rückfallgefahr. Während des Prozesses ergaben sich Hinweise auf weitere Missbrauchstaten in den 2000er Jahren und somit eine erhöhte Rückfallwahrscheinlichkeit.

Am 27. Februar 2012 wurde Martin N. schließlich wegen Mordes zur Verdeckung von Straftaten an Stefan J., Dennis R. und Dennis K. sowie 20 Missbrauchsdelikten zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Zudem stellte das Gericht die besondere Schwere der Schuld fest. Die Verteidiger von N. legten gegen das Urteil hinsichtlich der angeordneten Sicherungsverwahrung Revision ein.

Am 10. Januar 2013 gab der Bundesgerichtshof der Revision statt und hob die verhängte Sicherungsverwahrung auf. Dies wurde mit dem Hinweis begründet, dass nach derzeitiger Rechtslage die Sicherungsverwahrung nur zu einem unerlässlichen Schutz der Allgemeinheit angeordnet werden kann. Da der BGH die besondere Schwere der Schuld bestätigt hat, wird sich die bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe übliche Mindesthaftdauer von 15 Jahren verlängern. Eine Strafaussetzung zur Bewährung kann zudem nur infolge einer nachweislichen Ungefährlichkeit des Verurteilten erfolgen. Ein derartiger Nachweis würde jedoch auch den Vollzug der Sicherungsverwahrung aussetzen. Andernfalls ist davon auszugehen, dass Martin N. dauerhaft in Haft bleibt, höchstwahrscheinlich bis zu seinem Lebensende.

Quellen


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